Macht euch die Erde Untertan?

Dominium terrae (lat. für „Herrschaft über die Erde“) ist wahrscheinlich einer der am meisten missverstandenen theologischen Fachbegriffe.
Die Fehlinterpretation ergibt sich sowohl aus der Übersetzung als auch aus dem Kontext.
Es gibt aber noch einen dritten Punkt, der am schwersten zu erklären ist und mit dem ich beginnen möchte.


Aus weltlicher Sicht ist der Begriff herrschen, bzw. beherrschen negativ belegt.
Herrschen wird oft mit Unterdrücken, Ausbeuten und Missbrauchen gleichgesetzt.
Der Duden definiert herrschen mit: Macht haben, Gewalt ausüben; regieren.


Dass das nicht immer so war sieht man an einem Wort wie Körperbeherrschung.
Seinen Körper zu beherrschen meint eben gerade nicht ihn gewaltsam zu missbrauchen und auszubeuten sondern, im Gegenteil, sich mit ihm so vertraut zu machen, dass man im Stande ist ihn bestmöglich zu nutzen, ihn zur optimalen Entfaltung zu bringen.
Spricht man etwa von einem Tänzer mit guter Körperbeherrschung, meint man jemanden, der nach langem Training Herrschaft und Kontrolle über seinen Körper erlangt hat.
Man hat sozusagen herausgefunden wie der Körper optimal funktioniert.
Erreicht wird dies durch ein liebevolles Kennenlernen und Akzeptieren des Körpers und seiner Grenzen.
Indem man auf seine Signale hört und sich um seine Bedürfnisse kümmert.


Ähnlich verhält es sich mit dem Wort Selbstbeherrschung. Man übt Kontrolle über seine Wünsche und Triebe aus und erlaubt ihnen nicht das eigene Verhalten zu dominieren.
Auch eine Kunst zu beherrschen, bedeutet Meisterschaft in ihr erlangt zu haben.
Beim Programmieren heisst das Grundprinzip bei der Entwicklung eines neuen Programms Devide and Conquer.
Lass dich nicht vom Problem erdrücken.
Teile und Herrsche.


Ich habe schon ganz kleine Kinder gesehen die auf den Tisch klopfen und sagen: "Ich bin der Boss".
Das Herrschen wollen ist im Wesen des Menschen angelegt.
Er will nicht abhängig und schwach sein. Er will Herrschen. Aber auf das Wie kommt es an.

Sprechen wir von einem mächtigen Herrscher so sehen nicht alle einen gütigen König vor Augen, eine dienende Autorität wie Jesus es war, viele sehen einen despotisch agierenden Machtmenschen.
Gott ist die Liebe und wenn die Liebe uns Menschen als ihr Abbild erschaffen hat, dann ist die logische Konsequenz,
dass unter Herrschen ein liebevolles Herrschen mit Umsicht, Weisheit und Barmherzigkeit gemeint ist.

Die Herrschaft über die Erde aus christlicher Sicht versteht nicht das weltliche Ausbeuten ohne Rücksicht und Gewissen, sondern meint eher das zur Blüte führen eines Gartens.
Den Schutz aller Wesen.
Der Mensch ist das einzige Wesen, das mit Vernunft und Barmherzigkeit andere Wesen beschützen kann.
Gott gab dem Menschen den Auftrag den Garten Eden auszudehnen bis an die Grenzen der Welt.
Wenn der Mensch auf die Sprache der Schöpfung hört beschenkt sie ihn dafür im Überfluss.

In Psalm 8,7 heißt es: „Du hast ihn [den Menschen] als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände,
hast ihm alles zu Füßen gelegt.“
Gott übergibt dem Menschen die Schöpfung!
Ein heikles Unterfangen.
Er vertraut darauf, dass der Mensch sich seiner Verantwortung bewusst ist. Dass er seine Gebote, als oberstes die Liebe einhält.
Aber er riskiert auch, dass der Mensch sich von Gott lossagt.
Die Liebe ausser Acht lässt.
Dass er die Schöpfung ausbeutet und quält.
Seine Macht missbraucht. Herrscht ohne Erbarmen, ohne Liebe.


Ein Herrschen ohne Liebe, wie es im weltlichen Sinn manchmal verstanden wird ist hier aber nicht gemeint.
Der Mensch hat Macht zu verändern zu gestalten, schöpferisch tätig zu werden.
Diese Macht zu missbrauchen führt die Schöpfung aber auch den Menschen selbst in disharmonische Zustände.
Das Leiden beginnt wo die Liebe aufhört.
Deshalb schrieb Paulus auch: "Die ganze Schöpfung wartet Sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne und Töchter Gottes." (Röm 8,19)
Die Söhne und Töchter Gottes das sind diejenigen, die sich von der Liebe leiten lassen.
Auf uns wartet die Schöpfung!

Beherrschen hat aber auch die Bedeutung; bezähmen, zurückhalten, unter Kontrolle halten.
Vor 2.500 Jahren, als der Text des Buches Genesis entstand, stand der Mensch einer feindlichen und rauen Umwelt entgegen.
"Die Sorgen um genügend Nachwuchs und um eine lebbare, bewohnbare Umwelt standen im Vordergrund."
Die Aufforderung macht euch die Erde untertan bedeutet aus diesem Blickwinkel betrachtet sich gegen die Natur zu behaupten sich ihr entgegenzustemmen, ja sie auch teilweise zu besiegen anstatt sich von ihr besiegen zu lassen.
Einen Pfad durch das Dickicht zu schlagen und eine sichere Behausung für sich und die Menschheitsfamilie zu errichten.

Die hebräische Exegese findet erst in den letzten Jahren angemessenere Übersetzungen.
Das hebräische Verb kabasch (bisher übersetzt als „untertan machen“) hat auch die Bedeutung
„als Kulturland in Besitz nehmen“, „dienstbar, urbar machen“, wie Vergleiche mit Verbübersetzungen
in anderen biblischen Büchern (Num 32 EU und Jos 18 EU) zeigen. Das Verb radah
(bisher übersetzt als „königlich bzw. herrschaftlich auftreten“) wird in Mari-Texten für den Umgang
eines Hirten mit seiner Kleinviehherde verwendet und „müsste die verantwortungsvolle, fürsorgliche Konnotation
zum Ausdruck bringen.“ Quelle Wikipedia

Was mir wichtig ist: Um den Anfang zu verstehen muss man quasi den Schlüssel zum Verständnis der Bibel in Händen halten und dieser Schlüssel ist die Liebe.
Die Liebe hat den Menschen erschaffen und bemächtigt die Schöpfung zu verwalten, zu beschützen und zu bewahren.
Das geht aber nicht, ohne auf die Stimme des Schöpfers zu hören.


Eine Wissenschaft, die versucht diese Stimme des Schöpfers obsolet zu machen, darf tun was machbar ist.
Sie ist jetzt, da es keine oberste moralische Instanz mehr gibt frei und ihr eigener Richter.
Wenn es keinen Gott mehr gibt, ist alles erlaubt. Endlich sturmfreie Bude!
Atombomben testen im Bikiniatoll. Abholzung des Regenwaldes. Ausrottung ganzer Arten. Die Schöpfung wird zerstört im großen Stil.
Um dieses "Erlaubt ist was machbar ist" durchzusetzen, musste der Gedanke an einen Schöpfer beseitigt werden.
Der Mensch hat sich von Gott losgesagt, schlimmer noch, er hat Gott einen Platz unter ferner liefen zugewiesen und sich selbst dann die Krone aufgesetzt.
Kronen kann man sich aber nicht einfach selber aufsetzen.
Man wird gekrönt!


"Es galt daher, die Frage nach dem Schöpfer und nach seiner Sprache (und seinem Auftrag) in der Schöpfung als sinnlos und unsinnig zu erklären und stattdessen einen anderen Grundauftrag des Menschen zu formulieren als den der Schöpfungsverantwortung." Kardinal Schönborn


"Wie ist es dann zu den Auswüchsen der Mentalität des Machens und des Herrschens gekommen, die uns heute alle bedroht? Ein erstes Wetterleuchten einer neuen Gesinnung zeigt sich in der Renaissance etwa bei Galilei, wenn er sinngemäß sagt: Falls die Natur nicht freiwillig auf unsere Fragen antwortet und ihre Geheimnisse enthüllt, werden wir sie auf die Folter spannen und im peinlichen Verhör ihr die Antworten entreißen, die sie nicht freiwillig preisgibt.(J. Ratzinger, op. cit., S. 42).


Dem neuzeitlichen wissenschaftlichen Denken fehlt vielerorts die Demut.
Der Forscher der Schimpansen Elektroden ins Gehirn pflanzt im Auftrag der Wissenschaft und des Fortschritts, handelt wie das kleine Kind am Tisch, das sagt: "Ich bin der Boss."


Dem gegenüber steht ein Wort von Franz von Assisi, das auch das Schlusswort meiner Überlegungen sein soll.


"Alle Geschöpfe der Erde fühlen wie wir, alle Geschöpfe streben nach Glück wie wir. Alle Geschöpfe der Erde lieben, leiden und sterben wie wir, also sind sie uns gleich gestellte Werke des allmächtigen Schöpfers – unsere Brüder."




Quellen:
https://www.erzdioezese-wien.at/pages/inst/14428675/text/katechesen/article/20514.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Dominium_terrae







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